Evozierte Potentiale (VEP/AEP/SEP/MEP)

Das Fachgebiet der Neurologie befaßt sich mit Erkrankungen des peripheren und zentralen Nervensystems. Bei der Untersuchung dieser Krankheiten werden verschiedene neurophysiologische Methoden eingesetzt, um eine bessere und objektive Beschreibung des Funktionszustandes des Nervensystems und hierbei insbesondere dessen Leitfähigkeit, zu erhalten. Wenn wir Sehen, Hören, Riechen oder eine Berührung der Haut empfinden, findet nach Aufnahme des Reizes an den jeweiligen sensorischen Organen und elektrischer Weiterleitung des Impulses über das periphere Nervensystem oder die Hirnnerven als Folge dieser Wahrnehmung im Gehirn an den für die jeweilige Sinneswahrnehmung spezifischen Arealen eine Potentialänderung statt. Als evozierte Potentiale (EP) werden alle durch eine Reizung eines Sinnesorgans oder peripheren Nervens gezielt ausgelöste elektrische Spannungsunterschiede bezeichnet, die mittels Oberflächenelektroden von der Hirn- oder Rückenmarksregion abgeleitet werden können. In der klinischen Praxis spielen insbesondere die Bestimmung der

  • Visuell Evozierten Potentiale (VEP),
  • der Akustisch Evozierten Potentiale (AEP),
  • der Somatosensibel Evozierten Potentiale (SEP) und
  • der Magnetisch Evozierten Potentiale (MEP)

eine Rolle.

Visuell Evozierte Potentiale:
Mit dieser Methode läßt sich die Sehbahn beurteilen. Der Patient bekommt bei der Untersuchung ein schwarzweißes Schachbrettmuster gezeigt, das mehrfach den Kontrast wechselt. Durch diesen Sinnesreiz werden Impulse bis zum visuellen Cortex der Hirnrinde geleitet und können dort nach entsprechender Wiederholung (ca 250 mal) mittels Oberflächenelektroden abgeleitet werden. Durch einen rechnergestützten Prozeß werden die Potentialänderungen optisch dargestellt. Die Potentiale sowie die bei der Untersuchung weiter ermittelten Messwerte können dann hinsichtlich der Potentialkonfiguration, Latenz (ms) und Amplitude (μV) beurteilt werden. Die Untersuchung dauert etwa 20 Minuten.

Akustisch Evozierte Potentiale (AEP):
Die Untersuchung der AEP erfolgt mittels eines den Patienten über einen Kopfhörer dargebotenen Schallreiz (Klickton). Die hierdurch im Innenohr ausgelösten Impulse werden über den achten Hirnnerven (N. vestibulocochlearis) über mehrere Teilschritte zur Hörrinde im Gehirn fortgeleitet. Die hierdurch ausgelösten Potentialänderungen können jetzt wieder analog zum Vorgehen bei Bestimmung der VEP mittels Oberflächenelektroden abgeleitet und beurteilt werden. Die Untersuchung dauert etwa 30 bis 40 Minuten.

Somatosensibel Evozierte Potentiale (SEP):
Bei dieser Methode werden entweder der Nervus Medianus, ein großer Nerv des Arms oder der Nervus Tibialis, ein Nerv des Beines, mittels Oberflächenelektroden elektrisch mit kleinen, nicht schmerzhaften Reizen stimuliert. Stimulationsort ist entweder der distale Unterarm (N. Medianus) oder im Bereich des Innenknöchels (N. Tibialis). Das hierdurch ausgelöste und über die genannten Nerven fortgeleitete Aktionspotential kann nach entsprechender Aufsummierung mittels Oberflächenelektroden über der Hirnrinde (oder bei Bedarf auch über dem Rückenmark) abgeleitet werden. Die Untersuchung dauert pro untersuchtem Nerv etwa 20 - 25 Minuten.

Motorisch Evozierte Potentiale (MEP):
Eine weitere und zu den vorgenannten Methoden etwas andere Untersuchungstechnik stellt die Untersuchung der Motorisch Evozierten Potentiale (MEP) dar. Hierbei handelt es sich um die Messung elektrischer Spannungsänderungen eines Muskels, welche durch einen gezielten Reiz an einem Teil des motorischen Systems ausgelöst werden. Dadurch kann das zentrale motorische System im Gehirn und Rückenmark in Ergänzung zur peripheren neurographischen Messung untersucht werden. In der klinischen Praxis wird dazu mittels einer Magnetspule (Transcranielle Magnetstimulation, TMS) über dem Motorcortex des Gehirns ein Impuls gesetzt, der nach entsprechender Fortleitung über das Gehirn, Rückenmark (sog. „Pyramidenbahn“) und peripherem Nerven eine Muskelzuckung, etwa über der Gesichts-, Arm- oder Beinmuskulatur auslöst, die dann mittels Oberflächenelektroden gemessen werden kann. Ebenso wird die Zeit bestimmt, die zwischen der Impulsabgabe und der aufgetretenen Muskelzuckung vergeht. Hierdurch können Rückschlüsse auf die Leitungsfunktion des motorischen Nervensystems gezogen werden. Die Magnetstimulation ist nicht schmerzhaft, wird durch die plötzliche Muskelzuckung gelegentlich aber als etwas unangenehm empfunden. Die Untersuchung ist ungefährlich, wird aber nicht bei Schwangeren oder Patienten mit Herzschrittmachern oder Neurostimulatoren angewendet. Die Untersuchung dauert etwa 20 Minuten pro untersuchtem motorischem System.